Wenn alle Brünnlein fließen | Text und Noten

In der weichen Umarmung eines längst vergangenen Sommertages, wenn die Sonne sanft über die Wiesen fließt und die Bäche wie flüsternde Geheimnisse im Schatten der alten Bäume plätschern, erwacht eine Melodie. Sie trägt die Zartheit der ersten Liebe und die unerfüllte Sehnsucht des Herzens, das im Takt der Natur schlägt. „Wenn alle Brünnlein fließen“ – ein Lied, das wie ein leises Echo aus einer Zeit klingt, als die Welt noch einfacher war und die Liebe in den Augen eines anderen Menschen entdeckt wurde.
Die Melodie weckt Erinnerungen an vergangene Spaziergänge entlang schimmernder Wasserläufe, an die leisen Augenblicke, in denen der Blick eines geliebten Menschen mehr sagte als tausend Worte. Es ist ein Lied, das mit seinen sanften Noten und dem fließenden Rhythmus die Sehnsucht entfacht – nach der Unschuld der Jugend, nach der Unendlichkeit der Natur und der ewigen Suche nach dem, was unser Herz zum Klingen bringt. Die Brünnlein sind mehr als nur Wasserquellen; sie sind Symbole für all das, was wir ersehnen und doch nie ganz greifen können.
historischer Hintergrund
Aus den malerischen Landschaften des Odenwalds stammt das Volkslied „Wenn alle Brünnlein fließen“. Bereits im 16. Jahrhundert wurde der Text dieses Liedes niedergeschrieben, und er spiegelt die Lebensweise und die romantische Naturverbundenheit der Menschen jener Zeit wider. Der Odenwald, mit seinen dichten Wäldern und klaren Bächen, bot den idealen Hintergrund für ein Lied, das von der Kraft und Schönheit der Natur erzählt.
Im 19. Jahrhundert verlieh Friedrich Silcher, ein bedeutender Komponist und Sammler von Volksliedern, dem Lied seine bis heute bekannte Melodie. Silcher, der von 1789 bis 1860 lebte, trug maßgeblich zur Popularität und Bewahrung deutscher Volkslieder bei. Seine musikalische Gestaltung des Liedes verhalf ihm zu einer weitreichenden Verbreitung, die bis in unsere Gegenwart anhält.
Besondere Merkmale des Liedes zeigen sich in seiner Vielseitigkeit. Es existieren zahlreiche regionale Varianten, die jeweils lokale Eigenheiten und Dialekte widerspiegeln. Über Generationen hinweg wurde „Wenn alle Brünnlein fließen“ mündlich weitergegeben, wodurch es sich stetig wandelte und anpasste, ohne seinen ursprünglichen Charme zu verlieren. Heute gilt es als fester Bestandteil des deutschen Kulturerbes und wird sowohl in Schulen als auch bei geselligen Zusammenkünften gesungen.
Noten und Liedtext
- Wenn alle Brünnlein fließen,
so muss man trinken;
wenn ich mein Lieb nicht rufen darf,
tu ich ihm winken,
wenn ich mein Lieb nicht rufen darf,
ja, ja, nicht rufen darf,
tu ich ihm winken. - Ja winken mit den Augen
und treten mit dem Fuß;
’s ist eine in der Stuben,
die mein werden muss,
’s ist eine in der Stuben,
ja, in der Stuben,
die mein werden muss. - Warum sollt sie’s nicht werden,
ich seh sie ja so gern;
sie hat zwei blaue Äugelein,
die glänzen wie die Stern,
sie hat zwei blaue Äugelein,
ja, ja, zwei Äugelein,
die glänzen wie die Stern.
Text: aus dem Odenwald (16. Jahrhundert)
Melodie: nach Friedrich Silcher (1789 – 1860)
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Textinterpretation
In den sanften Melodien des Volksliedes „Wenn alle Brünnlein fließen“ webt sich die zeitlose Sehnsucht der Liebe durch das Rauschen der Natur. Das Bild der sprudelnden Brünnlein symbolisiert die unaufhaltsame Kraft der Gefühle, die, wie ein klarer Bach, ihren Weg suchen. Die Natur wird zur Bühne, auf der die menschliche Zuneigung spielt, subtil und doch voller Intensität. Es ist eine Einladung, die Augen zu schließen und die verborgenen Strömungen des Herzens zu spüren, während die Welt um uns herum in ihrer uralten Schönheit erstrahlt.
Die Symbolik der Brünnlein mag heute als Metapher für die Herausforderungen der modernen Kommunikation stehen. Wenn Worte nicht ausreichen, greifen wir zum stummen Winken, zum Zeichen der Zuneigung, das durch die digitalen Brünnlein des Internets fließt. In einer Welt, in der wir oft stumm rufen müssen, erinnert uns das Lied daran, dass das Wesentliche manchmal in der Einfachheit liegt. Die Sehnsucht nach dem Liebsten bleibt unverändert, egal wie sehr sich die Zeiten wandeln.
Das Lied weckt in uns die Erinnerung an vergangene Tage und die unvergängliche Verbindung zwischen Mensch und Natur. Es lädt uns ein, innezuhalten und die kleinen, oft übersehenen Schönheiten um uns herum zu schätzen. Vielleicht fühlt der Leser eine leise Melancholie, ein Echo der alten, unsterblichen Liebe, die wie ein Fluss durch die Jahrhunderte strömt. So wird das Volkslied zur Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ein Lied vom Fließen des Lebens und der unstillbaren Sehnsucht.
In der Sehnsucht nach Liebe vereint sich das stille Verlangen mit der Hoffnung; ein Blick, ein Wink, und das Herz spricht in der Stille, wo Worte nicht verweilen können.






